Systemische Beratung ist nicht nur ein Handwerkszeug für Berater, sondern sie beinhaltet auch Handlungsmöglichkeiten für jeden Verantwortlichen und Leiter einer Organisation. Deshalb empfehle  ich das systemische Handeln auch allen Leitenden.

„Wenn wir unser Handeln als Prozess verstehen, wir also von Beratungsprozessen, Lernprozessen oder Bildungsprozessen usw. sprechen, dann wird ein offenes Verfahren eröffnet. Es kommt Bewegung ins Spiel. Wir sind bewegt. Unsere Position (Standpunkt) verändert sich.“ (Breitbart & Held in Systemische Praxis in der Kirche (2003), 172)

„Prozessorientierung auf der Grundlage christologischer Religion kann nur dann zeitliche Erfolge, zeitliche Sicherheit und zeitliche Gewissheit versprechen, wenn sie nicht das Scheitern, das Verfahren, die Verunsicherung verdrängt und verschweigt.“ (a.a.O. 175)

Diese beiden Zitate von Breitbart und Held machen deutlich, dass Offenheit, Veränderungsbereitschaft und auch Mut aller Beteiligten für einen systemischen Beratungsprozess in Kirche notwendig sind. Es konnte gezeigt werden, dass Offenbarung eine Erfahrung im Menschen darstellt. Diese Offenbarungserfahrung bezieht sich nicht nur auf den Einzelnen sondern auch auf die Gemeinschaft in der dies geschieht. Offenbarung verändert den Einzelnen und systemisch gedacht, wird dadurch auch das System irritiert. Offenbarung kann also auf vielen Ebenen stattfinden, im seelsorglichen Dialog, im dialogischen Geschehen einer Gruppe oder auch im Beratungsprozess einer größeren Einheit.

Dabei wird angenommen, dass in jedem Menschen die Ressource des „göttlichen Funkens“ wirksam ist. Der Mensch als Ebenbild Gottes hat Würde, Größe und kann einen wesentlichen Beitrag zur Gesamtgestalt von Kirche leisten. Ohne diesen Beitrag ist der Leib nicht voll funktionsfähig. Also fragt Systemische Beratung vorurteilsfrei nach diesem Beitrag, den der Einzelne in die Gemeinschaft einbringen kann. Oft genug ist es den Getauften nicht klar, was alles in ihnen steckt, was ihre Sendung oder Berufung ist. Hier beginnt konstruktivistisch die Erhebung des Systems Mensch und Gemeinschaft. Denn was für den Einzelnen gilt, gilt ebenso für die Gemeinschaft. Auch hier liegt ein gemeinsamer Auftrag durch die gemeinsame Verwurzelung im Göttlichen.

Dabei fragt Systemische Beratung nicht nur nach dem Offensichtlichen und Rationalen sondern auch nach der persönlichen Erfahrung des Einzelnen und damit nach den dahinterliegenden emotionalen Anteilen. Gerade diese sind es, die unser Leben entscheidend beeinflussen und auch verändern können. In diesem emotionalen Erfahrungsschatz liegen unsere Kraft unsere Liebe und auch unsere Verletzlichkeit häufig verborgen. Elemente, die ebenso wie die Charismen in kirchlicher Glaubenstradierung nur selten einen Widerhall finden.

Wenn Systemische Beratung im kirchlichen Umfeld zum Ort von Offenbarung werden soll, dann braucht das System Kirche Irritationen, eine neue Sichtweise, die Befähigung aller Beteiligten, eine Orientierung hin zu einer selbstlernenden Gemeinschaft und die Anerkennung des Göttlichen in jedem Menschen. Dazu möchte ich einige Interventionen vorschlagen:

  • Aufhebung des Predigtverbots für Laien im Gottesdienst
    Im Korintherbrief berichtet Paulus von Geschehen in der christlichen Versammlung (1. Kor 14,26ff). Jeder trägt im Gottesdienst etwas zur Erbauung der Gemeinde bei, einen Psalm, eine Lehre, eine Offenbarung, eine Zungenrede, eine prophetische Rede – alles geschieht dialogisch. Wie kann es sein, dass solche Beiträge durch Kirchengesetze und Liturgie unmöglich gemacht werden?
  • Schaffen von Orten der Begegnung und Diskussion
    Da 90% aller Innovationen in Forschung und Entwicklung im Dialog entstehen, hat BMW in München ein Ingenieurzentrum gebaut, das so angelegt ist, dass sich Menschen möglichst oft begegnen und über ihre Fragestellungen ins Gespräch kommen können. Warum sollte es nicht Begegnungsstätten oder Forschungseinrichtungen geben, die nach neuen oder auch alten Wegen und Möglichkeiten Ausschau halten, die dazu beitragen, dass Kirche ihren Sendungsauftrag besser erfüllt als bisher?
  • Konzentration auf das Subsidiaritätsprinzip
    Delegation der Verantwortung an die Basis. Die oberen Instanzen greifen nur dann ein, wenn die unteren mit ihren Anliegen nicht klar kommen und um Hilfe bitten.
  • Reform der Priesterausbildung
    Verschlankung auf das Wesentliche, das für den Aufbau von Gemeinden notwendig ist und dafür mehr Kommunikations- und Organisationsberatung. Außerdem sollten Priester und auch Leiter zu Talentscouts ausgebildet werden, die Gaben und Charismen bei den Gemeindemitgliedern entdecken und fördern und hierfür Einsatzmöglichkeiten schaffen.

Die "Offenbarung" kann nicht wie ein Glaubensbekenntnis vermittelt werden kann, sie kann nicht wie ein Geschenk unverändert an- und aufgenommen werden. Offenbarung geschieht im Hier und Jetzt. Dazu bedarf es immer einer Erfahrung im Dialog. Diese Offenbarung wird in jedem Gläubigen aufgrund seiner inneren Vorkonstrukte zu etwas Neuem und Einzigartigem wird, das gleichzeitig eine Bereicherung für die Gemeinschaft darstellt. Diese Art der Offenbarung ist ein sehr persönliches Geschehen, das den Betroffenen an seine inneren Schätze, an sein Seelenfünklein oder an den „Christus in uns“ führt und deshalb beachtet und respektiert werden will, wenn es sich äußert.

Wenn Offenbarung im Menschen und in der Kirche gelingen soll, braucht es im heutigen kirchlichen Kontext drei Voraussetzungen:

  • Wir benötigen eine dialogische Kirche in der sich alle Getauften auf und über alle Hierarchieebenen hinweg miteinander über ihre Erfahrungen im Glauben austauschen, als Gegenmodell zur heute vielfach erfahrenen „lehrenden und hörenden Kirche“.
  • Kirche versteht sich als pilgernde Gemeinschaft zwischen Heimat und Fremde. Sie weiß woher sie kommt und besitzt die Offenheit, nicht zu wissen, wohin sie gelangen wird. Da dieses kontinuierliche Offenbarungsgeschehen immer mit der Möglichkeit des Scheiterns verbunden ist, benötigt Kirche Mut und Vertrauen. Mut, Neues zuzulassen auch mit dem Risiko des Scheiterns. Und Vertrauen, dass die Getauften alle Gaben und Charismen besitzen, die zum Offenbarungsgeschehen notwendig sind.
  • Alle Gesprächspartner sind im Dialog gleichberechtigt und werden mit ihrer Erfahrung respektiert und ernst genommen und werden so zu einem lernenden und möglicherweise auch staunenden System, das Gott für seine großen Taten preisen kann.

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